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Hier kündigen wir Veranstaltungen von Mitgliedern und Studionutzern der Tanztendenz an, außerdem Veranstaltungen, die in den Räumen der Tanztendenz oder im schwere reiter stattfinden.
Die Workshop-Ankündigungen finden Sie unter Training.
 

26. − 28. November 2020 / 17:00 - 22:00
6. Internationales Choreografenatelier
Grenzbereiche - Ein Themenraum

schwere reiter

Sechs Medienstationen mit ausgewählten Film- und Redebeiträgen markieren den Auftakt des Choreografenateliers 2020/21 und laden ein zu einem Streifzug durch die unterschiedlichsten Denkfiguren rund um den Begriff der „Grenze“.

Grenzthematiken als Gegenstand und Metapher in Politik, Raumforschung, Philosophie, Cultural Studies, Soziologie, Biologie, Psychologie, Kunsttheorie etc. finden ihren Niederschlag bei gesellschaftlich zentralen Fragen zu Identität, Territorium, Geschlecht, Klasse, Nation, Kultur, Gesundheit oder Religion. Grenzen scheinen einerseits heute mehr und mehr zu verschwimmen, gleichzeitig gibt es eine offensichtliche Sehnsucht nach Eindeutigkeit und Zugehörigkeit, die sich äußert in Abgrenzungs– und Ausgrenzungsthematiken.

Der Themenraum „Grenzbereiche“ versammelt Beiträge aus den unterschiedlichsten Disziplinen und Formaten und bietet einen ersten Einblick in die Thematik, die auch die Fortsetzung des Choreografenateliers 2021 bestimmen wird.

Öffnungszeiten des Themenraums:
Donnerstag bis Samstag, 17:00 bis 22:00

Jeweils 18:00 Film
Jeweils 20:00 Live-Vortrag oder Großprojektion

Referent*innen, die 2020 im Teil 1 das Terrain markieren:

Thomas Fuchs (Phänomenologie und Psychiatrie):
"Die Corona-Pandemie als kollektive Grenzsituation"

Michaela Ott (Individualismuskritik):
"Grenzverwischungen im bio- und soziotechnologischen Bereich"

Spyridon Koutroufinis / René Pikarski (Biophilosophie):
„Die Grenze als kreativer Prozess“
Ein Gespräch zwischen Athen und Berlin

Günter Lempa (Psychoanalyse):
"Grenzen überwinden - Grenzen schützen?
Überlegungen aus psychoanalytischer Sicht"

Thomas Dörfler (Humangeographie):
„Die Dialektik der Grenze: Notwendigkeiten und Irrationalitäten kultureller Einhegung“

Genaueres Tagesprogramm folgt.



Vorträge im schwere reiter

Thomas Fuchs: Die Corona-Pandemie als kollektive Grenzsituation

Nach Karl Jaspers steht der Mensch vor einer Grenzsituation, wenn sein bisheriges „Gehäuse“ von Selbstverständlichkeiten, Grundannahmen und Glaubenssystemen, die Schutz vor den Widersprüchen des Daseins bieten, zusammenbricht. Insofern haben Grenzsituationen einen aufdeckenden Charakter. Dieses Konzept lässt sich auch auf kollektive Situationen wie die gegenwärtige Pandemie anwenden: Unsere bisherigen Orientierungen auf die Zukunft hin sind vorerst ausgesetzt; wir müssen mit Unsicherheit leben. Doch eine Grenzsituation eröffnet nach Jaspers aber auch die Möglichkeit, die eigene Existenz neu zu ergreifen. In ähnlicher Weise kann eine kollektive Grenzsituation wie die Corona-Pandemie ein Nachdenken darüber auslösen, wie wir in Zukunft leben wollen. Der Vortrag wird einige Überlegungen zu solchen möglichen Entwicklungen anstellen.

Thomas Fuchs // Prof. Dr. med. Dr. phil., Psychiater und Philosoph, Karl-Jaspers-Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Leiter der Sektion Phänomenologische Psychopathologie und Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Forschungsschwerpunkte: Phänomenologische Psychologie, Psychopathologie und Anthropologie, Theorien der Verkörperung und der Neurowissenschaften.


Michaela Ott: Grenzverwischungen im bio- und soziotechnologischen Bereich

Grenzen leben von fortgesetzter Entgrenzung, Verschiebung und Unterwanderung, sowohl was ihre politischen wie ihre erkenntnistheoretischen Erscheinungs- und Wirkweisen betrifft. Es geht um eine Kritik an überkommenen philosophischen Grenzziehungen und um ein Plädoyer für erkenntnistheoretische und ethische Grenzverwischungen: So wird etwa der Begriff des „Individuums“ kritisiert, da er ein Selbstverständnis der Person als ungeteilte, eigenmächtige und abgrenzbare signalisiert, das aufgrund zeitgenössischer bio- und sozio(techno)logischer Interferenzen, medialer Praktiken und kultureller Verflochtenheiten nicht mehr erkenntnisträchtig und ethisch problematisch erscheint. Daher wird die Ersetzung des Begriffs durch jenen der „Dividuation“ gefordert, der stattdessen Arten der Teilhabe und Partizipation in den Vordergrund rücken will.

Michaela Ott // Professorin für Ästhetische Theorien an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg; Forschungsschwerpunkte: poststrukturalistische Philosophie, Ästhetik des Films, Theorien des Raums, Theorien der Affizierung und Dividuation, Fragen des Kunst-Wissens, Biennaleforschung, postkoloniale Fragestellungen, afrikanischer und arabischer Film.


Spyridon Koutroufinis / René Pikarski: Die Grenze als kreativer Prozess - Ein Gespräch zwischen Athen und Berlin

Die biophilosophische Annahme ist, dass Grenzen keine starren und substanziell festgelegten Demarkationslinien sind, sondern andauernde Prozesse dynamischer (Selbst)-Begrenzung und –Entgrenzung. Der Organismus bildet eine Einheit mit seiner Umwelt und gestaltet durch die permanente Rekonstitution seiner Grenze sich selbst und seine Umwelt. Autoren wie Alfred N. Whitehead, Jakob von Uexküll, Georges Canguilhem, Henri Bergson und Michel Foucault stehen im Zentrum der Betrachtung.

Spyridon Koutroufinis // seit 2010 als Privatdozent für Philosophie an der Technischen Universtität Berlin tätig. Er hat sich systematisch auf die Biophilosophie, die Prozessphilosophie, die klassische Metaphysik und die Komplexitätstheorie spezialisiert. Den Schwerpunkt seiner gegenwärtigen Forschung bilden die Begründung eines prozessphilosophischen Verständnisses des Organismusbegriffs und die kritische Auseinandersetzung mit dem Trans- und Posthumanismus.

René Pikarski // Promotion an der Hochschule für Philosophie in München, wo er aktuell seine Dissertation zur Philosophie von Henri Bergson und Michel Foucault schreibt, hinsichtlich der Frage nach einem biophilosophischen Intuitionsbegriff für gegenwärtige sozialkritische Diskurse und für ethopoietische Prozesse. Er lebt und arbeitet in Berlin, u.a. als Moderator und Autor zur Aufarbeitung des deutschen Filmerbes.


Thomas Dörfler: Die Dialektik der Grenze: Notwendigkeiten und Irrationalitäten kultureller Einhegung

Kaum eine Thematik ist in heutiger Zeit präsenter in den Themen der politischen Auseinandersetzung als Grenzen, Grenzziehungen und ihre Folgen. Gesellschaftliche Schichten, Territorien und politische Lager definieren deshalb für sich jeweils deutliche Unterschiede, um wahrgenommen zu werden und handlungsfähig zu sein. Der Vortrag möchte diese Ambivalenzen der sozialen, geographischen und politischen Grenzziehung thematisieren, um dafür zu plädieren, gelassener mit gesellschaftlichen Unterschieden umzugehen.

Thomas Dörfler // Projektmitarbeiter an der Universität Bayreuth, Lehrstuhl Sozial- und Bevölkerungsgeographie; Schwerpunkte: Kultur- und Sozialgeographie, Stadt- und Regionalforschung, Phänomenologie des Raumes, Kritische Theorie und Psychoanalyse, Methoden.


Günter Lempa (Psychoanalyse):
Grenzen überwinden - Grenzen schützen?
Überlegungen aus psychoanalytischer Sicht


Grenzen spielen in der Psychoanalyse eine wichtige Rolle. Wie entsteht in der frühen Entwicklung ein abgegrenztes Ich, wie gelingen Annäherung, Austausch und Trennung zwischen Ich und Objekt, Baby und Caregiver? Ausgehend von diesen "Grenzproblemen" im Nahbereich der zwischenmenschlichen Beziehungen soll versucht werden, Perspektiven auf soziale und politische Themen zu eröffnen. Dabei geht es um die Fragen, inwiefern eine stabile Architektur von Differenzierungen und Grenzen notwendig ist, damit eine Gesellschaft ihren zivilisatorischen Standard aufrecht erhalten kann, sowie darum, wie es gelingen kann, den Radius der Empathie und Solidarität auf bisher Ausgegrenzte zu erweitern.

Günter Lempa, Dr. med. // Arzt für Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker, Leiter der Abteilung analytische Psychosentherapie der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München e.V. und Vorstand im Frankfurter Psychoseprojekt. Er leitet mit zwei Kolleginnen eine Studie - eine Kooperation von International Psychoanalytic University und Charité Campus Sankt Hedwig, Berlin - in der Patienten mit Schizophrenie mit einem innovativen Konzept psychotherapeutisch behandelt werden.



Spielort
schwere reiter
Dachauer Straße 116a
80636 München
Tram 12, 20, 21 or Bus 53
Haltestelle Leonrodplatz
www.schwerereiter.de


Karten
Der Eintritt ist frei.
Anmeldung empfohlen – bitte mit Angabe von Datum und Uhrzeit - da es sonst unter Umständen zu Wartezeiten kommen kann: reservierung@tanztendenz.de


Das Choreografenatelier des Tanztendenz München e.V. wird gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München und der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München.


Tanztendenz München e.V. wird gefördert
durch das Kulturreferat der LH München